70 Jahre nach Kriegsende –
Zur Verantwortung des Einzelnen
Birke Bull
Der 8. Mai ist der Tag der Befreiung. Vor 70 Jahren endet der II. Weltkrieg und damit der faschistische Terror in Europa. Am 7. und am 8. Mai 1945 kapituliert die deutsche Wehrmacht bedingungslos. Das Land, in dem die NSDAP an die Macht gewählt worden war, ist zusammengebrochen, zerbombt und moralisch vor der Weltgemeinschaft delegitimiert.
Befreiung oder Niederlage? – Die Gemütsstände der Deutschen dürften 1945 höchst unterschiedliche gewesen sein. Denn das Kriegsende warf Fragen nach dem Scheitern, nach Schuld und Vergeltung auf, und der 8. Mai erneuerte diese Fragen jedes Jahr aufs Neue. Auch deshalb war und ist die Deutung dieses Tages eine umkämpfte.
Fast 20 Jahre mussten vergehen, bis sich die politischen Botschaften in der Bundesrepublik veränderten. Es war der Sozialdemokrat Willy Brandt, der mit seinem Kniefall in Warschau 1970 ein anderes Deutschland zeigte und der sich als Kanzler eines befreiten, nicht eines besiegten Deutschlands verstehen wird.
Die DDR wiederum verband sich mit ihrer Gründung untrennbar mit der Sowjetunion – also Befreite mit den Befreiern. 1950 wurde der Tag der Befreiung als staatlicher Feiertag verankert. Auf der einen Seite standen Wille und Realität der systematischen Entnazifizierung. Gewürdigt wurden vor allem die, die sich zum Preis des eigenen Lebens oder dessen Gefährdung am Widerstand gegen die Nazis beteiligt hatten – vor allem Kommunistinnen und Kommunisten.
Auf der anderen Seite hat es damit auch in der DDR de facto eine weitgehende Entlastung von Schuld gegeben, ist nicht wirklich gefragt worden nach der Verantwortung jedes Einzelnen. Denn es muss bezweifelt werden, dass sich entlang zufälliger geographischer Grenzen der Besatzungszonen mit einem Schlag Befreite und Unterlegene, Nazis und Widerständler, Anhänger und Zweifler voneinander trennten. Mittäterschaft ist auch in der DDR nicht wirklich ehrlich und offensiv diskutiert worden.
Dabei sprechen die Zeugnisse über die letzten Monate des Krieges eine klare Sprache. Der Vernichtungskrieg hatte in seiner Endphase nichts von seinem Schrecken und seinem Fanatismus verloren. Die Befreiung war ein blutiger, ein verbissener, ein elender Kampf. Allein die Schlacht um Berlin kostete hunderttausende Rotarmisten das Leben. Der nationalsozialistische Justizapparat arbeitete auf Hochtouren; ob Deserteure, Zweifler oder die politisch Widerständigen – die Gegner der Nationalsozialisten sollten mit dem Regime gemeinsam untergehen. Nur vier Wochen vor Kriegsende wurden Georg Elser und Friedrich Bonhoeffer nach jahrelanger Haftzeit hingerichtet. Todesurteile gegen die Verschwörer des 20. Juli wurden noch in den letzten Apriltagen vollstreckt. Über tausend Häftlinge des Todesmarsches bei Gardelegen, von der SS in die Scheune in Isenschnibbe getrieben, – sie verbluten, ersticken und verbrennen – 24 Stunden bevor die Amerikaner Gardelegen befreiten.
Der Krieg, den die Deutschen entfesselt hatten, sprengte die Grenzen jeglicher Vorstellungen. Er war von Anfang an verbunden mit der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, der Roma und Sinti, er zielte ab auf die Vernichtung der Slawen. Politisch und weltanschaulich Andersdenkende sollten ausgeschaltet werden - Kommunistinnen und Kommunisten, Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die Christinnen und Christen, insbesondere die der bekennenden Kirche .
Über 18 Millionen Deutsche waren unter Waffen, über 7 Millionen 1943 Mitglied der NSDAP. Bevor das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau errichtet wurde, waren bereits hunderttausende Männer, Frauen und Kinder durch die Einsatzgruppen hinter der Ostfront erschossen, ertränkt oder erschlagen worden.
Aber all diese Verbrechen konnten nicht lediglich von einer Handvoll Männer verübt worden sein. So treu wie viele zu ihrem Führer standen, genauso schnell trug Hitler mit dem Ende des Krieges die Hauptverantwortung. Nach dem was wir heute wissen – über den Holocaust und über die Verbrechen des II. Weltkrieges, wird klar: Die Massenvernichtung ging einher mit Massenbeteiligung. Es war die Beteiligung der Vielen. In dieser Beziehung gab es viel zu vergessen: Zuerst gab es nur Hitler und seine Clique. Das spiegelt sich bis heute in gewisser Weise in dem Wort „Hitlerfaschismus“. Die Täter galten als Schläger und Sadisten, Personen also, die außerhalb der Kulturnation gedacht wurden (mit denen man nichts zu tun hatte oder haben wollte). Mit dem Eichmannprozess entstand das Bild vom Bürokraten und vom Apparat, der willfährig die Befehle vollzog. Erst die Täterforschung seit den 1990er Jahren zeigt, wie unterschiedlich die Beteiligten, wie verschieden die mutmaßlichen Motive waren und wie unhaltbar die Trennung zwischen Schreibtischtätern und den Schlägern und Sadisten oftmals ist. Rassenwahn und Überzeugung, Verrohung und Mordlust, Konkurrenz und Bereicherung, – die Motive zum Mord sind mannigfach.
Die „Mitte der Gesellschaft“ ist also das Spannende, wenn man sich fragt, was den Zivilisationsbruch ermöglicht hat.
Umso mehr stellt sich immer wieder die Frage, weshalb es lediglich die Ränder der Gesellschaft sein sollen, die die Demokratie bedrohen und weshalb ausgerechnet die Mitte gegen das Unmenschliche immun sein soll. Pegida und Co mit ihren rassistischen Ausfällen kommen aus der Mitte der Gesellschaft. Mit dieser Ambivalenz müssen wir umgehen: Die Mitte kann Menschlichkeit und Gerechtigkeit infrage stellen, und dem muss aus der Mitte der Gesellschaft entgegnet werden. Wir alle sind verantwortlich für die Würde des Einzelnen.
In diesen Wochen finden aus Anlass des 70. Jahrestages die Feiern zu den Befreiungen der Konzentrations- und Vernichtungslager besondere Beachtung. Die Überlebenden erinnern sich an ihre Verzweiflung, an ihre Verlorenheit. An die letzten Blicke zu ihren Eltern. Neben der Erinnerung an tobende SS-Chargen und an die Allgegenwärtigkeit des Todes wiederholt sich immer wieder ein Wort: „Erniedrigung“. Mit der Erniedrigung fing die Ausgrenzung von Menschen an. Mit dem Herausdefinieren aus der Gemeinschaft, mit einer gesetzlich festgelegten und amtlich bestätigten Minderwertigkeit. Wer einmal die Bilder gesehen hat, die Jüdinnen und Juden kniend beim Putzen des Gehsteiges einer belebten Innenstadt zeigen, umringt von Schaulustigen und von Hetzern, vergisst dies nicht. Diese Bilder sind es, die uns die Fragen stellen:
Wo fing es an? Wo fängt es an? Historische Abläufe, erlassene Gesetze zur Verdrängung der Juden aus dem öffentlichen Leben –alles das ist schnell referiert. Aber was hat das für jeden Einzelnen, für jede Familie, für jedes Paar bedeutet?
Wann und unter welchen Umständen waren und sind Menschen – ist jeder einzelne von uns – bereit, aufzustehen, Einspruch zu erheben, Widerstand zu leisten, Menschlichkeit zu zeigen? Diese Frage ist existenziell für eine menschliche Gesellschaft, für eine Demokratie. Sie muss uns jeder Zeit unter den Nägeln brennen!
Wie viele Erniedrigungen, wie viele traumatische Bilder, wie viele Trennungen lagen bereits hinter den Jüdinnen und Juden und den Menschen aus ganz Europa, bevor sie starben. Und wann hatten diese begonnen? Lange vor den Deportationen, vor dem Beginn des Krieges, oftmals lange auch vor 1933!
Was spielt sich also ab, bevor Mord- und Totschlag beginnen?
Wir streiten auch deshalb für den Begriff der Befreiung, weil es um mehr ging als um eine militärische Kapitulation. Es ging auch darum, antisemitische und rassistische Hetze im Salon, in der Universität und im europäischen Blätterwald zu beenden, es ging darum, die Menschenrechte und ihre Unantastbarkeit zu definieren.
Wir beantragen heute auch, den 8. Mai als Feiertag an verankern und damit als sehr besonderen Tag anzuerkennen. Als einen Tag, der im Zweifel nichts vorgibt, ein Tag der in einer Demokratie keine ein für allemal abgeschlossenen Doktrin einfordert – ein Tag, der aber doch ein Echo des Vergangenen ist. Wir wollen erinnern an die Lage in den besetzten Länder, an die Häftlinge in den Lagern, an die Versteckten, die Zwangsarbeiter, die Widerstandskämpfer, die alliierten Soldaten. Die April- und Maitage 1945 waren Sehnsuchtstage all derer, die durch die Naziideologie zu Verlorenen und Verzweifelten gemacht worden sind.
70 Jahre und später soll Raum sein für diese Erinnerung und unsere Auseinandersetzung damit. Die Geschichte ist nicht auserzählt und die Forderung des „Nie wieder“ erfordert jeden Tags aufs Neue unser Herz und unseren Verstand. Der 8. Mai ist der Tag der Befreiung.
Birke Bull ist die Landesvorsitzende der Partei DIE LINKE. Sachsen-Anhalt. Der Text basiert wesentlich auf ihrer Rede zum 70. Jahrestag der Befreiung zur Aktuellen Debatte im Landtag von Sachsen-Anhalt am 24. April 2015.

