Anke Lohmann: 70 Jahre nach Kriegsbeginn

Im Gedenkjahr 2009 liegt auch der 70. Jahrestag des deutschen Angriffes auf Polen am 1. September 1939. Das Datum markiert den Beginn des II. Weltkrieges, dessen Verlauf 60 Millionen Leben forderte – infolge militärischer Auseinandersetzung, als Opfer des Genozids und rassistischer Verfolgung, durch Terror, Kriegsverbrechen und Verschleppung. Die Sowjetunion und China hatten mit 25 und 15 Millionen Toten die meisten Opfer zu beklagen. Durch ganz Europa verlief der systematische Mord an 6 von 11 Millionen als Juden definierten Menschen. 

Die Kriegspläne des nationalsozialistischen Deutschland begnügten sich nicht damit, die territorialen Verluste nach dem Versailler Vertrag wieder wett zu machen. Bereits mit der Eingliederung des Saarlands 1935, dem „Anschluss“ Österreichs  und des Sudetenlandes 1938 sowie der Besetzung der „Rest-Tschechei“ im März 1939 waren die Sanktionen für das im I. Weltkrieg unterlegene Deutsche Reich weitgehend getilgt. Hitlers Begriff vom Krieg ließ sich nicht allein aus dem Streben nach Wiederherstellung deutscher Großmachtsansprüche ableiten oder einer Kontinuität revisionistischer Zielstellungen konservativer Eliten. Hitlers in den 1920er Jahren entworfenes Weltbild enthielt bereits die geopolitischen und rassistischen Konsequenzen seiner späteren Politik – in einem Kampf um „Selbst- und Forterhaltung“ befänden sich die Völker auf global begrenztem Raum. Dieser Kampf wäre keine Auseinandersetzung unterschiedlicher Machtinteressen, sondern ein Überlebenskampf von grundsätzlich verschiedenen Völkern und Rassen. Damit überführte die Programmatik der NSDAP zeitgenössische sozialdarwinistische und antisemitische Ideologien in die Vorstellung eines baldigst bevorstehenden „Rassenkrieges“. An dessen Ende stände nicht der Sieg über den  Gegner, sondern dessen Auslöschung.

Der von Deutschland entfesselte II. Weltkrieg war von Beginn an ein Krieg um „Lebensraum“ für den „arischen Volkskörper“. Die beabsichtigte deutsche Hegemonie – europäisch und global – war in dieser Lesart nicht allein imperiales Wirtschaftsprogramm, sondern die bio-strategische Erfüllung und Erhaltung eines „Volkskörpers“ durch die Ausgewogenheit aus „Volkszahl und Lebensraum“.

Am 30. Januar 1939 kündigte Hitler in seiner Reichstagsrede die „Vernichtung der Juden in Europa“ an. Im September wurde der „jüdisch-demokratische Weltfeind“ für den Kriegsbeginn verantwortlich gemacht – am 1. September 1939 bediente man sich noch der Maskerade, SS-Angehörige mit polnischen Uniformen zu verkleiden. Mit der Ermordung der polnischen Eliten und „rassisch Minderwertiger“ begann die „Germanisierung“ der Ostgebiete – die später von „Wehrbauern“ bewirtschaftet und gesichert werden sollten. 

Die aggressive Umsetzung dieser ideologischen Ziele wird heute unstrittig als „Vernichtungskrieg“ charakterisiert. Im speziellen ist damit die Ausweitung des Krieges auf die Sowjetunion ab 1941 gemeint, mit den systematischen Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung im Rücken der Front. Wehrmacht und Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, die mobilen Mordkommandos des „Rassenkrieges“, arbeiten vertraglich verzahnt am Mordprogramm der „Endlösung“.

In der Habilitationsschrift von Jochen Böhler beginnt der Vernichtungskrieg nicht erst 1941, sondern bereits 1939 mit dem Überfall auf Polen (siehe Leseempfehlungen auf S. 16 in dieser Ausgabe). Eine Debatte um die Datierung erscheint auf den ersten Blick verwunderlich, denn die Ermordung von Zivilisten unter rassistischen Vorzeichen im „Polenfeldzug“ ist nicht umstritten. Der fachliche Streit dreht sich um den Beginn der Verstrickung der Wehrmacht in den Holocaust. Mit der Ausstellung  Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944. gewann die Diskussion jenseits wissenschaftlicher Fragestellungen an enormer Bedeutung für die Öffentlichkeit. Das Hamburger Institut für Sozialforschung hatte mit den 1995 begonnenen Ausstellungen die Rolle der Wehrmacht in der Vernichtungspolitik des deutschen Reiches thematisiert. Die Wanderausstellung polarisierte und war ein Publikumsmagnet – und Neonazis konzentrierten sich auf sie. Gegen die Eröffnung in München fand 1997 der bis dahin größte Naziaufmarsch seit 1945 statt. Bereits 1961 hatte Raul Hilberg in seinem Standardwerk Die Vernichtung der europäischen Juden zur Beteiligung der Wehrmacht festgestellt: „Mit Beginn der mobilen Tötungsaktionen, fand sich die Wehrmacht unversehens im Zentrum des Holocaust wieder.“ Ab Mitte der 1990er Jahre erreichte mit der Ausstellung diese Feststellung erneut die deutsche Öffentlichkeit – und stellte damit erneut die Frage nach Täterschaft, Verantwortung,
Beteiligung und Schuld.