Hartz IV und die eigene Identität

Als mein Vater 50 wurde, wusste er, wo er stand. Gesellschaftlich. Beruflich. Er war seit langer Zeit in der selben Firma beschäftigt und wurde von ihr gefeiert – ob seines Geburtstages und seiner Betriebszugehörigkeit. Arrogant oder reich konnte er nicht werden, aber er wusste, wer er war und was er konnte. Das war im Jahr 1980. Wenn ich in gut fünf Jahren 50 Jahre alt werde, werde ich vermutlich keinen Platz in dieser Gesellschaft haben.

Denn ich bin Hartz-IV-Empfängerin und mir wird allenfalls ein Randplatz zuteil. Seit zehn Jahren lebe ich von der Hoffnung,dass sich etwas ändern wird, dasseine der vielen Bewerbungen mich dahinbringen wird, meine Kinder und michselbst zu ernähren.Aber ich bin kein Einzelfall. Neben mir hoffen über 3 Millionen Frauen – mit oder ohne Kinder – und Männer jeden Tag, dass sie nicht alt werden müssen, ohneihre eigene Position in diesem Arbeitsleben gefunden zu haben. Sie alle wissen nicht, wo sie stehen. So etwas wusste man vor 30 Jahren. Jetzt haben wir 2010 und alle Sicherheiten haben sich aufgelöst. Eine berufliche oder gesellschaftliche Identität haben große Teile der Bevölkerung nicht mehr.

Schuld daran ist ein erbarmungsloser globaler Kapitalismus. Das wissen wir Linken und geben nicht Einzelnen die Schuld dafür. Andere wissen es offenbar nicht. Sie haben an einem Punkt aufgehört zu denken. Daher sind in ihren Augen die Opfer selbst schuld und müssen nun für ihre Dummheit und Faulheit noch bestraft werden. So denken Roland Koch und Thilo Sarrazin. Wann werden solche Politiker anfangen, in Zusammenhängen zu denken und hinter die Kulissen zu schauen, wie es in einem Menschen aussieht, der jeden Tag in der Hoffnung aufsteht, dass sich etwas
ändern wird? Dass er vielleicht im Briefkasten eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch findet statt der 300. Absage. Der aber trotzdem rund um die Uhr
beschäftigt ist, weil das Jobcenter wieder irgendwelche Unterlagen sehen will, weil
er sich wieder gegen irgendwelche Rückforderungen wehren muss, die er nicht
verschuldet hat und weil er sich zum zehnten Mal bei derselben Firma bewerben muss, die ihn nie einstellen wird, weil er gegen die Selbstaufgabe kämpfen muss; weil er sich weiterbilden muss.

In den zehn Jahren meiner Arbeitssuche habe ich mich nicht gelangweilt. Im Gegenteil. Ich habe vielleicht mehr getan und gelernt als so mancher, der zehn Jahre auf dem selben Platz sitzt. Ja, Arbeitslosigkeit macht kreativ, Herr Koch, ich weiß, das klingt zynisch. Jede neue Arbeit, jede Weiterbildung wird begonnen in der Hoffnung, dass diesmal etwas Langfristiges daraus wird, dass die Odyssee endlich ein Ende haben wird.
Kaum jemand ist so überqualifiziert wie ein interessierter Arbeitsloser, kaum jemand
hat so viele Bereiche beruflichen Lebens kennen gelernt, kaum jemand braucht so wenig eine Arbeitspflicht wie ein Mensch der schon alles getan hat, um seine Situation zu verbessern. Vielmehr sollte man darüber nachdenken, ob nicht in dieser  Arbeitsmarktpolitik auch indirekt ein Arbeitsverbot enthalten ist. Und: Das Private ist das Politische und das Politische das Private.

Das Problem der Arbeitslosigkeit macht nicht Halt vor der Wohnungstür: Es belastet Partnerschaften und Familien, es treibt einen Keil zwischen Kinder, die sich in der Schule
als Außenseiter fühlen, und ihre Eltern, die den materiellen Ansprüchen ihrer Kinder
nicht mehr gerecht werden können. In den Schulen wird nicht über Zusammenhänge
geredet, statt dessen werden Klischees verbreitet, dass Hartz-IVMütter morgens lieber im Bett bleiben. Erschreckender Weise musste ich feststellen, dass mein Sohn, der ein bekanntes Dessauer Gymnasium besucht, wenig über gesellschaftliche Zusammenhänge informiert ist. Unter Bildung wird eine Mischung aus Statussymbolen und Wohlstand verstanden, ob Geld auf seriöse Weise verdient wird, ist nicht wichtig.Hauptsache der Flachbildschirmfernseher ist vorhanden. Insoweit muss ich lobend erwähnen, wie engagiert und sozial die Lehrer auf der Sekundarschule meiner
Tochter sind und dass sie ihrem Auftrag als Begleiter junger Menschen viel besser
gerecht werden.


Ich habe trotz alledem meine gesellschaftlichen Aufgaben gefunden. Hartz IV wird mich nicht umbringen, im Gegenteil es macht mich stärker. Aber ich fühle, worauf einige in dieser Gesellschaft hinarbeiten. Es sollen nur noch wenige diese Gesellschaft gestalten, der Rest darf sich an der Armutsgrenze verwalten und ab und zu mit Almosen trösten lassen. Diesen kulturellen und sozialen Verfall müssen wir als Linke stoppen.


Ulrike Brösner
ist stellvertretende Vorsitzende des Stadtverbandes DIE LINKE. Dessau-
Roßlau