Als vor einem Vierteljahr die erste Vorankündigung des 2. Kulturpolitischen Forums der LINKEN „Kultur neu denken“ auftauchte, machte schon die Liste der eingeladenen Diskutanten neugierig auf das große Thema „Religion, Macht, Freiheit und die Schwierigkeiten, Identität zu bestimmen“.
MdB Lukrezia Jochimsen und die Vizepräsidentin des Thüringer Landtages, Dr. Birgit Klaubert, haben die Gretchenfrage „Wie hast du’s mit der Religion?“ in den Raum gestellt, um am 8. und 9. Februar Kirchenleute und Repräsentanten der jüdischen und muslimischen Religionsgemeinschaften ebenso wie Publizisten, Künstler und Politiker in verschiedenen Foren miteinander diskutieren zu lassen über Glauben, Moral, Freiheit und Macht. So individuell auch die Frage nach dem Glauben, nach Gott, nach dem persönlichen Wertesystem, nach der Entscheidungsfreiheit und die Einbindung in eine Gemeinschaft, insbesondere eine religiöse, beantwortet wurde, so deutlich war die Übereinstimmung im Bezug auf gelebten Humanismus, als es um das Wirken in der Gesellschaft ging. Für sein Handeln verantwortlich ist jeder Mensch selbst. Vor wem er sich dafür aber noch in der Verantwortung sieht, war die Scheidegrenze zwischen den religiös Gebundenen und den Atheisten.
Wenn dann der Imam Mehdi Razvi den Atheismus auch als eine Religion ansah, schlug er damit die Brücke für das friedliche Miteinander aller Menschen und Konfessionen. Erhellend war die Antwort des Rabbiners Professor Walter Homolka, der erklärte, dass für das Judentum die Frage nach Gott zweitrangig sei. Gefragt wird danach, ob jemand nach den in der Thora geschriebenen Prinzipien lebt. Die Pröbstin Elfriede Begrich nahm die Frage „Brauchen wir Religion?“ auseinander und beantwortete sie für sich unter sieben Gesichtspunkten – natürlich – mit „Ja“. Es war ein intellektueller Spaß, ihr dabei zu folgen. Schade war, dass der Philosophie-Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, Eberhard Tiefensee, über den Freiheitsaspekt des Themas in seinen Darlegungen, dass die LINKE in der Pflicht stehe, die Christenverfolgung in der DDR aufzuarbeiten, vergessen hatte, die Frage nach Religion und Glauben zu beantworten. Sein geradezu schroffer Vortrag, bei dem man über den Terminus „Christenverfolgung“ streiten kann und muss, war dennoch eine notwendige Aufweitung des Themas, wenn er darauf beharrte, sich seiner persönlichen Vergangenheit bewusst zu sein und mit offenen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens so umzugehen, dass gegenwärtiges Handeln glaubwürdig erscheint. Wer sich in eine Partei oder andere Gemeinschaft einreiht, trägt die Hypothek der Vergangenheit mit. Tiefensee sieht sich als Betroffenen, wenn es um Schuld der katholischen Kirche für Inquisition, Hexenverbrennungen oder Kreuzzüge geht. Er sieht aufzuarbeitende Schuld bei den LINKEN für Hohn und Drangsal gegenüber Gläubigen in der DDR. Auf differenziertere Weise hat dies auch Katrin Göring- Eckardt in einer separaten Gesprächsrunde der Politiker aufgegriffen, als sie an André Blechschmidt, Parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im Thüringer Landtag und früherer Mitarbeiter für Kirchenfragen beim Rat des Bezirkes Erfurt, gewandt sagte, dass ihr Haus, in dem zu DDR-Zeiten politische Fragen zwischen Pfarrer und Staatsmachtvertreter besprochen wurden, auch nach der Wende offen stand, aber niemand von damals kam. Das erhellt, warum es Misstrauen und Vorbehalte gegen uns gibt, weil wir über dem Tagesgeschäft einige offene Hypotheken nicht oder nicht hinreichend erkennbar abgearbeitet haben. Der Verweis auf die Entschuldigung von Michael Schumann auf dem Gründungsparteitag der SED-PDS an die Kirchen für erlittene Unbill durch die SED reicht offensichtlich nicht.
Das eigentliche Problem in allen Diskussionsrunden betraf das Verhältnis der Protagonisten von Kirche wie Politik zur Macht und zum Umgang mit Macht. Insbesondere Michel Friedman, ehemals stellvertretender Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Anwalt und Moderator, beharrte auf dem Standpunkt, dass jemand mit Deutungshoheit wie der Papst, in seiner dogmatischen Positionierung zu Homosexualität oder der Verdammung von Kondomen angesichts der katastrophalen Ausbreitung von Aids die Grenze der Achtung der Menschenwürde überschritten und seine Macht missbraucht habe. Die Unerbittlichkeit in Friedmans Votum führte fast zum Eklat mit dem Autoren Manfred Lütz aus Köln, der als Arzt und Absolvent einer katholischen Hochschule dazu eine andere Auffassung vertrat. Für ihn steht das verantwortliche Handeln des Einzelnen über einer Enzyklika, und er wies die Papstkritik energisch zurück. Es fehlte die Zeit, das auszuargumentieren.
Spannend waren in der Künstlerrunde die Antworten von Michael Triegel, der als Heide mehrere Altarbilder im Auftrag der evangelischen und der katholischen Kirche gemalt hat. Die Glaubensfrage stand dabei für ihn im Hintergrund – einschränkend meinte er noch: Ihn interessierte die Darstellung der menschlichen Konflikte in den biblischen Geschichten in ihrer Generalität und Zeitlosigkeit, die ihn zum Malen zwangen. Seine Auseinandersetzung mit den biblischen Themen, mit denen er die Betrachter in Bann ziehen will, sind Antworten auf das Thema Macht, Freiheit, Religion.
All das baute sich auf Statements des gläubigen Christen und Bundestagsabgeordneten Bodo Ramelow auf, der energisch für religiöse Toleranz und die Achtung des anderen stritt. Am Beispiel der aktuellen Bundestagsdebatte zum Tierschutz demonstrierte er die religiöse Dimension des Themas und forderte, in allen politischen Entscheidungen zu prüfen, in welcher Weise die Mitbürger anderen Glaubens und anderer kultureller Traditionen betroffen sind.
Widerpart von Bodo Ramelow war Dr. theol. Paul Schulz, vor über 30 Jahren aus Amt und Würden entlassener Hamburger Pfarrer, der die These aufstellte, dass nur ein Atheist frei sei in seinem humanistischen Handeln. Der Zündstoff in seinem Vortrag funkelte in allen folgenden Diskussionen auf.
Es ist ungerecht, die CDU-Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag, Christine Lieberknecht, den Regisseur Carlos Mauel, die Frauenrechtlerin Serap Çileli, die sich vom Islam losgesagt hat, und die anderen eingeladenen Diskutanten oder die sich aus dem Auditorium zu Wort gemeldet hatten mit ihren bemerkenswerten Urteilen und Erklärungen ihrer Handlungsmotivationen hier nicht zu erwähnen. Um aber ein Bild von diesem Dialog- Auftakt zu vermitteln, muss noch ein Wort zu den Veranstaltungsorten gesagt werden. Getagt wurde im evangelischen Augustinerkloster, in der Neuen Synagoge und in der katholischen Brunnenkirche. Bei allen Differenzen, die im Raum standen, waren die Veranstaltungsorte ein für sich sprechendes Zeichen im Dialog über Religion, Freiheit und Macht. Das beeindruckend stille, meditative Konzert des Ensembles „eccolo“ aus Altenburg eröffnete eine weitere Dimension des Themas. Die Choralzeilen „Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen“ und „Wir glauben all an einen Gott“, die der Komponist Günter Witschurke den beiden Werken unterlegte, waren ein persönliches Bekenntnis der Musiker, das im Bezug auf das Christentum dennoch eine übergreifende Klammer für „Kultur neu denken – Macht, Freiheit, Religion“ bedeutete.
Martin Reso